martedì 26 novembre 2019

RETTE DEINE SEELE

1999-2018 Palermo gegen Palermo, Uwe Jaentsch

Die Vucciria, das einst prächtige Bankenviertel von Siziliens Hauptstadt, bröckelt schon lange einer fernen, gentrifizierten Zukunft entgegen. Halb verfallene mittelalterliche Palazzi trotzen tags der Hitze, während die mit schwarzen Lavasteinen gepflasterten Gassen selbst nachts noch glühen. Auf der zentralen Piazza Garraffello, ein kleiner Platz mit einem uralten Brunnen und zugleich der Ort, an dem 1624 die Pest in Palermo ausbrach, arbeitet der Österreicher Uwe Jaentsch seit fast auf den Tag genau 17 Jahren an einer sozialen Skulptur immensen Ausmaßes. 

Während die Fassaden der Palazzi in sich zusammenstürzen und deren Innenleben wie Puppenhäuser sichtbar werden, mauert die Stadtregierung die Piazza mit Ytongsteinen einfach zu. In dieser apokalyptischen Kulisse malt Uwe Jaentsch die nicht einsetzen wollende Gentrifizierung ganz nach seinem eigenen Geschmack: In riesigen Lettern steht auf den Palästen geschrieben: UWE TI AMA oder: BANCA NAZION oder: ESSO oder: DUREX.


Seine Arbeiten sind der schönste vorstellbare Vandalismus (man kann ihnen nur vorwerfen, dass sie niemals die totalen kriminellen Dimensionen des Vandalismus der palermitanischen Stadtverwaltung erreichen, die ein ganzes historisches Stadtzentrum verfallen lässt). In diesem Sinne bewegt sich Uwe Jaentsch in der Tradition von Joseph Beuys und Christoph Schlingensief. Wir kochen: sizilianisch. 


Max Dax, Galerie der Gespräche Berlin, 7/Sep/2016


1999-2018 Palermo gegen Palermo, Uwe Jaentsch

In Palermo gibt es viel Bürokratie. Und zwar so unfassbar viel Bürokratie, dass heute keiner mehr weiß, wo eigentlich die 2,4 Millionen EU-Subventionen hin sind, die für die sogenannte „riqualificazione“ des vielleicht schönsten einstigen Stadtzentrums der Welt ausgegeben worden sind. 

In der Piazza Garaffello auf alle Fälle sind sie nicht angekommen. Hier wurden stattdessen die charakteristischen, unersetzlich wertvollen Lava-Pflastersteine, die bei Hitze und Regen nachts wie Spiegel das orangenfarbene Licht der Laternen aufgreifen und reflektieren, ersetzt durch Ikea-Gehwegplatten. Ein vor den Augen der Öffentlichkeit eingestürzter Palast aus dem Mittelalter wurde vor neun Jahren mit einer improvisierten, zwei Meter hohen Leichtbaumauer abgesichert, damit Plakate angeklebt werden können. Wurde von den 2,4 Millionen nicht auch ein Parkverbotsschild aufgestellt, damit die Autos beim Ein- und Ausparken mit ihren Stoßstangen nicht mehr gegen den ältesten Brunnen der Stadt fahren? Wir wissen es nicht. 


Dafür bekam der Künstler UWE Jaentsch eine Klage an den Hals, als er, dessen „stanza di compensazione“ in der Vucciria zu einer Art Epizentrum der Dokumentation wurde, mit abwaschbarer Farbe die Worte „si vende“ („zu verkaufen“) auf den Brunnen malte. Der Klage folgten Morddrohungen und Aufforderungen, Tausende von Euros an Strafe wegen Vandalismus zu bezahlen, ganz zu schweigen von einer Räumungsklage. 


Während dieser gesamten, insgesamt 48 meist komplexe Aktionen umfassenden Commedia dell’ Arte berichtete UWE Jaentsch weiter aus seiner stanza di compensazione und schuf so im Lauf der letzten 19 Jahre ein interventionistisch-ephemeres Werk, das in seiner Totalität ein komplettes Stadtviertel zur Bühne erklärte – und die Welt konnte zuschauen, wie in einer der größten und geschichtsträchtigsten Städte Italiens das historische Zentrum, die zentrale Piazza der Vucciria, einfach immer weiter verfiel.

Weil irgendjemand daran verdient? Weil unter dem neuen Kampfbegriff „Antimafia“ Palermo gerade von Grund auf neu gebaut - oder zerstört - wird? 

Max Dax, Galerie der Gespräche Berlin, 30/Mai/2018 

⏩ www.costanzalanzadiscalea.it

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